Newsletter
Email:
Poll: Всі на вибори?
За кого Ви віддасте свій голос на виборах у січні-2010
Startseite | News (UKRANIANS.DE) | Warum die Deutschen die Klitschko-Brüder lieben

Warum die Deutschen die Klitschko-Brüder lieben

Schriftgrösse: Decrease font Enlarge font
image Vitali Klitschko v Albert Sosnowski - WBC World Heavyweight Championship

Vitali Klitschko ist eigentlich Ukrainer. Aber weil die Klitschko-Brüder alle Tugenden besitzen, die die Deutschen lieben, haben wir sie einfach adoptiert.

War das eine Nacht von Samstag auf Sonntag. Freudig erregt sind wir Deutschen nicht zu Bett gegangen, sondern im kollektiven Konfettiregen mit schwarzrotgold-beflaggten Autofenstern ziellos im Kreis gefahren, hupend vor Glück: Den Ungarn haben wir drei Dinger reingehauen wie beim Wunder von Bern, in Oslo außerdem allen gezeigt, wie gesungen wird – und dann sind wir auf Schalke auch noch Weltmeister im Schwergewicht geblieben.

Im königsblauen Freudentaumel hätten sich die 40.000 in der Arena angesichts der schweren finalen Rechten von Vitali Klitschko ans Kinn des Herausforderers Albert Sosnowski in der zehnten Runde am liebsten zu dem Begeisterungschor hinreißen lassen: „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid!“ – so hat der Pole sich hingelegt.

Klitschko hat über seinem überforderten Gegner gestanden wie eine deutsche Eiche – was Max Schmeling, zu dem wir mittels eines spontanen Gedankensprungs an dem Punkt automatisch kommen, nicht direkt von sich sagen konnte, als er dieser Tage vor 80 Jahren, am 12. Juni 1930, Weltmeister im Schwergewicht wurde. Im Liegen hat er sich den Gürtel geholt. Durch Disqualifikation. Tiefschlag von Jack Sharkey.

Ist Klitschko unser der bessere Schmeling?

Das mag jetzt befremdlich klingen, vor allem für jene letzten, zähen Ukrainer, die die Fakten partout nicht anerkennen wollen, die Klitschko-Brüder immer noch für ihre eigenen Helden halten und sie nicht einmal teilen wollen, obwohl Michael Buffer, die Ringstimme aus der neutralen Ecke, am Samstag vor aller Welt klargestellt hat, woher Vitali kommt – nämlich „from Kiew, Ukraine, and Hamburg, Germany“.

Hat Klitschko zum Zeichen des Protests und Widerspruchs die rechte Gerade gehoben oder seine tief hängende Linke, mit der er anschließend den Polen vermöbelt hat? Njet! Denn erwiesenermaßen wurden die Klitschkos erst in Hamburg zu dem, was sie heute sind, wie die Beatles. Die bekamen ihr Rüstzeug anno 1960 im „Starclub“ auf der Reeperbahn, die Klitschkos im Universum-Boxstall in Wandsbek. Made in Germany, basta.

Nie haben wir einen adoptiert, der ein besserer Deutscher war als der WBC-Weltmeister oder sein jüngerer Bruder, der Doppelweltmeister Wladimir. So sehen es auch die Schalker, und denen macht in puncto Gefühl bekanntlich keiner was vor. Sie stürmen ihre Arena nur dann, wenn ihre Meister der Herzen zaubern, der Zuschauerweltrekord im Eishockey winkt oder wir Deutschen beim Biathlon der Welt zeigen wollen, dass wir das Schießen erfunden haben – und, wie gesagt, wenn die Klitschkos boxen.

Am Samstag hat der RTL-Reporter ein paar echte Schalker vor die Kamera gestellt, die dem Klitschko-Sender prompt glaubhaft bestätigt haben, dass Vitali einer wie sie ist, ein schwitzender, ehrlicher Malocher – keiner hätte sich gewundert, wenn der Weltmeister passend dazu mit einem rußverschmierten Gesicht in den Ring geklettert wäre, mit der Grubenlampe auf dem Kopf, dem Henkelmann mit dem dreigängigen Bergmannsmenü aus Sauerkraut, Kartoffeln und Schweinshaxen im Arm und dem Gruß auf den Lippen: „Ich bin ein Schalker.“

Die Klitschkos sind unsere Kennedys des Schwergewichtsboxens. Wir haben sie ins Herz geschlossen, sie sind ein fixer Teil unseres Nachtgebets, wir sind mit ihnen alle ein bisschen Weltmeister, und in Samstagnächten wie dieser sitzen wir mit einer Gänsehaut im Schnitt elfmillionenfach vor dem Bildschirm, wenn unsere Beute-Schmelinge den Rest der Welt verdreschen. „Die Klitschkos haben bessere Quoten als Fußball-Länderspiele oder ‚Wetten, dass?’“, staunt sogar ihr Manager Bernd Bönte. Auch er ist deutsch.

Fast alles deutsch

Nahezu alles bei den Klitschkos ist mittlerweile deutsch, bis auf die Fahne im Ring, die Hymne vor dem ersten Gong und die paar versprengten ukrainischen Fans im Publikum. Die Hamburger Klitschko-Firmen sind deutsch, die Amtssprache und Organisation ist deutsch, und Vitalis Trainer Fritz Sdunek ist derart deutsch, dass sein Boxer den inneren ukrainischen Schweinehund inzwischen mit deutschen Tugenden und deutschen Medizinbällen bekämpft. Er trinkt sogar deutsch. Vorigen Dezember verdrosch er den Amerikaner Chris Arreola, worauf ein US-Journalist dem Verlierer, einem Corona-Fan, mit einem Seitenblick auf Klitschko riet: „Versuch es mal mit deutschem Bier“. Vitali lachte. Auf Deutsch.

Vergessen wir auch nicht die Garde der deutschen Kinostars um Til Schweiger, die notfalls bis Los Angeles fliegt, um wegen Vitali am Ring zu sitzen, während für Wladimir die deutschen Schauspielerinnen schwärmen, von Veronica Ferres bis Uschi Glas – manche gehen vor seinen Kämpfen extra zum Friseur.

„Doktor Eisenfaust“ und „Doktor Stahlhammer“ sind eine deutsche Show. Sie sind Werbestars, wir schütten sie zu mit deutschen Auszeichnungen, im Disneyfilm „Die Kühe sind los“ haben sie den Stieren Boris und Noris die deutsche Synchronstimme geliehen, als Hobbyzauberer tritt Wladimir gern bei „Wetten, dass“, in „TV Total“ oder bei „Stars in der Manege“ auf – und der Bekanntheitsgrad der Brüder im deutschsprachigen Raum liegt mittlerweile bei 99 Prozent.

Die Klitschkos machen, kurz gesagt, alles richtig. Entzückt schlägt unsere deutsche Seele Purzelbäume, wenn Vitali beispielsweise in Amerika auf die Frage, warum sein Sohn Max heißt, antwortet: „Weil Max Schmeling mein Freund war.“ Dankbar stürmen wir Deutschen danach jede Abendkasse.

Klitschko-Kämpfe sind deutsche Feiertage, aber das Schönste haben wir spätestens diesen Samstag begriffen: Wir müssen um sie kein bisschen zittern. Sie bleiben uns noch lange erhalten, denn kein Gegner ist in Sicht. Der tapsige Bär Nikolai Walujew wird das Boxen nicht mehr rechtzeitig lernen, und wenn wir Vitali richtig verstanden haben, hält er das britische Großmaul David Haye im Vergleich zum Polen Sosnowski („Eine harte Nuss“) eher für eine taube Nuss. „Dem“, ahnt er, „werde ich den Mund stopfen.“

Im dankbaren Vorgriff wird Vitali Klitschko am Donnerstag schon mal das Bundesverdienstkreuz verliehen. Das kriegen nur gute Deutsche.

(c) Von Oskar Beck

 

hinzufügen zu: Add to your del.icio.us del.icio.us | Digg this story Digg

Kommentare (0 eingetragen):

Dein Kommentar eintragen comment

Bitte gib den Code auf der Grafik ein:

  • email An einen Freund versenden
  • print Druckversion
  • Plain text Klartext
Tags
Keine Tags für den Artikel vorhanden
Bewerte diesen Artikel
0