UKRAINIANS.DE | Das führende Informations-, Nachrichten- und Kooperationsportal für die Ukraine-Deutschland-Thematik | Das Deutsch-Ukrainische Portal | Das Portal der Ukrainer in Deutschland | Ukraine-Deutschland | Украина-Германия | Україна-Німеччина: Stichwahl Ukraine: Mit Schwüren, Schmelz und Stöhnen Stichwahl Ukraine: Mit Schwüren, Schmelz und Stöhnen ================================================================================ viktor on 04 February, 2010 12:08:00 Taras Lysak kennt sich aus mit Inszenierungen. Das Sankowetzka-Theater, das er als stellvertretender Direktor leitet, hat nicht nur Lembergs prächtigste Plüschsitze im Parkett. Als es 1842 gebaut wurde, war es, wie Lysak stolz vermerkt, das drittgrößte Haus Europas, und heute noch ist es bis auf den letzten Platz ausverkauft, wenn etwa „Iwan Mazepa“ gegeben wird, das Drama vom Kosakenhetman, der vor 300 Jahren die Ukraine aus der russischen Umklammerung lösen wollte. Lysak hat viele Stücke gesehen, aber das Programm dieses Abends ist speziell. Es ist Wahlkampf in der Ukraine, am Sonntag ist Stichwahl, und die Ministerpräsidentin Julija Timoschenko tritt auf, nebenan in dem fast noch prachtvolleren Opernhaus. Lemberg, das ukrainisch Lwiw heißt und polnisch Lwów, ist eine Hochburg des „orangefarbenen“, europäischen Lagers in der westlichen Ukraine, das Timoschenko jetzt gegen den spätsowjetisch geprägten Präsidentschaftskandidaten Viktor Janukowitsch aus dem russisch sprechenden Osten mobilisieren muss. Die Stadt, die jahrhundertelang zur Donaumonarchie gehört hat und die Sowjetunion immer als Besatzungsmacht empfunden hat, wirkt ausgesprochen mitteleuropäisch. Krumme Gassen, Kopfsteinpflaster, Fassaden von Renaissance bis Jugendstil - nichts erinnert hier an die Plattenbauraster des ukrainischen Ostens. Gravitationszentrum des „westlichen Lagers“ Lemberger Bürger aus dem Mittelstand wie Taras Lysak, aber auch wie der Textilunternehmer Jaroslaw Ruschtschischin oder Pawlo Sodomora, der an der medizinischen Fakultät unter der Inschrift „Mens Sana in Corpore Sano“ Latein unterrichtet, haben Ende 2004 das Rückgrat der „Revolution in Orange“ gebildet. Im Bürgeraufstand jenes Winters, als Hunderttausende auf die Straßen gingen, um gegen die Machtübernahme einer von Moskau gestützten Clique von Wahlfälschern zu protestieren, hatte nämlich nicht nur die Hauptstadt Kiew eine zentrale Rolle. Auch die Westukrainer waren da. Lysak war damals zwanzig Tage auf den Straßen. Man quetschte sich in überfüllte Busse, es ging „auf den Maidan“, in die Hauptstadt Kiew. Wenn man gerade nicht demonstrierte, schlief man im Rotationsverfahren in vollgestopften Wohnzimmern entfernter Bekannter, und wenn sich das Gerücht verbreitete, heute Nacht werde die Staatsmacht schießen, sagte man der angsterfüllten Frau daheim am Telefon, man werde natürlich nicht hingehen. Wenn dann der Abend kam, stand man trotzdem auf dem Pflaster. Bis heute ist Lemberg das Gravitationszentrum des „westlichen Lagers“ in der Ukraine. Julija Timoschenko muss hier gewinnen, wenn sie Janukowitsch noch einmal schlagen will, den Mann, der vor fünf Jahren durch eine gefälschte Wahl Präsident werden wollte und den sie damals als Revolutionsführerin an der Seite des heutigen Präsidenten Juschtschenko von der Macht gedrängt hatte. Die allgegenwärtigen Schlagworte ihrer Kampagne sind deshalb „Europa“ und „Demokratie“. „Der ukrainische Westen, Galizien und Wolhynien, sind immer nah am europäischen Hauptstrom gewesen“, sagt der Historiker Jaroslaw Hryzak von der Lemberger Universität. „Wenn Europa sozialistisch war, waren wir auch sozialistisch, und als es faschistisch wurde, wurden wir es auch.“ Heute sei „Europa“ demokratisch, und so schlügen also auch in Lemberg alle Herzen für die Demokratie - und natürlich gegen Russland, das seit der von Deportationen und Massenerschießungen begleiteten Besetzung des erst österreichischen, dann polnischen Lemberg im Zweiten Weltkrieg immer als Feind empfunden worden sei. Die „Demokraten“: Zersplittert in die Präsidentenwahl So gibt Julija Timoschenko also unter den Lüstern der Lemberger Oper den Leuten, was sie hören wollen. Bei der ersten Runde der Wahl ist ihr Gegner, der wiedergekehrte Janukowitsch, landesweit mit 35 Prozent Erster geworden, sie selbst wurde mit 25 Prozent Zweite. Vor allem im Westen haben Stimmen gefehlt. Die Führer des „orangefarbenen“ Lagers, sie selbst und Präsident Juschtschenko, haben sich seit der Revolution vor fünf Jahren unheilbar zerstritten. Die „Demokraten“ gehen infolgedessen zersplittert in die Präsidentenwahl, und bei der ersten Runde hat Julija Timoschenko nicht im notwendigen Maß von Janukowitschs Verhasstheit im Westen profitieren können. Ihr Gegner erhielt zwar im Gebiet Lemberg nicht einmal sechs Prozent, aber mehr als die Hälfte der Stimmen ging verloren - an Juschtschenko und andere „orangefarbene“ Splitterkandidaten. Vor allem der scheidende Präsident Juschtschenko erwies sich als Problem, weil er bis heute nichts unversucht lässt, um das ukrainische Nationalgefühl in seiner antirussischen Lemberger Prägung an sich zu binden und von Julija Timoschenko zu entfremden. In der zweiten Runde ist Juschtschenko nun nicht mehr im Spiel, und Julija Timoschenko muss seine Wähler gewinnen. Leicht fällt ihr das nicht. Als Kind einer Russisch sprechenden Familie im zentralukrainischen Dnipropetrowsk hat sie erst als erwachsene Frau Ukrainisch gelernt und spricht es immer noch mit deutlich russischem Akzent, viel zu artikuliert für die nuschelnden Galizier und mit der für Russen typischen Verwechslung von „O“ und „A“. Das Publikum reagiert geniert, wenn sie auf Lembergs Bühnenbrettern vaterländische Schwüre haucht, und stöhnt hörbar auf, wenn sie mit allzu tränenerstickter Stimme patriotischer Märtyrer gedenkt, etwa des zu Sowjetzeiten unter unklaren Umständen gestorbenen Komponisten Wolodimir Iwasjuk. Schwere Aufgabe: Timoschenko muss Juschtschenkos Wähler gewinnen Vielleicht lässt sich die Distanz, die trotz politischer Nähe die „demokratischen“ Wähler von Lemberg von Julija Timoschenko trennt, am ehesten biographisch illustrieren. Während Timoschenko zu Sowjetzeiten in eine Familie aus der Parteinomenklatura einheiratete und ihre Karriere (einschließlich des Milliardenvermögens, das sie eine Zeitlang besaß) auf Komsomol-Seilschaften aus der sowjetischen Rüstungsschmiede Dnipropetrowsk stützte, hat etwa der Lemberger Textilunternehmer Ruschtschischin, Jahrgang 1967, seine erste politische Formung in der antisowjetischen Dissidenz erfahren. Er verweigerte sich dem Komsomol, hielt als Student unter beträchtlichem Risiko oppositionelle Reden und baute seine Firma mit ihren 2000 Angestellten später im beständigen Kampf gegen die alten Seilschaften auf. Heute geht es ihm genau wie Taras Lysak, dem stellvertretenden Theaterdirektor, oder dem Lateinlehrer Sodomora: Die Sympathie für das „orangefarbene“ Lager, die sie alle 2004 auf die Straßen von Kiew geführt hat, ist immer noch da, aber seit Juschtschenko nicht mehr im Spiel ist, die Identifikationsfigur des ukrainischen Nationalgefühls, ist die Leidenschaft dahin. Julija Timoschenko tritt nach ihrer Rede in der Oper noch auf dem „Prospekt Swobody“ auf, dem „Freiheitsboulevard“, der früher schon einmal polnisch „Legionow“-Boulevard hieß, dann deutsch „Adolf-Hitler-Ring“ und später russisch „Lenin-Prospekt“. Sie spricht bei Minusgraden vor ein paar tausend Zuhörern (viele hat sie extra in Bussen und Zügen mitgebracht, um den Platz zu füllen) am Denkmal des Nationaldichters Schewtschenko, sie ballt die Fäuste, dankt „den Helden, die ihr Leben für die Ukraine geopfert haben“, singt mit rührendem Schmelz mit, als zum Abschied „Gott beschütze die Ukraine“ ertönt. Taras Lysak kennt sich aus mit Theater. Er war dabei an diesem Abend, er hat die Timoschenko auf der großen Bühne gesehen, wie sie die ukrainische Jeanne d'Arc gab - und sie hat ihn nicht überzeugt. Die Totenklage, die Heldenbeschwörung - da hat er schon bessere Interpretationen erlebt. Wird er „Julija“ wenigstens als Wähler stützen, wenn schon nicht als Bühnenconnoisseur? - „Ich denke noch nach“, sagt der Theaterdirektor und verschwindet in den Kulissen. (c) Konrad Schuller