Klitschko und Juan Carlos Gomez: Ein perfektes Paar
Am Samstag verteidigt Boxweltmeister Witali Klitschko seinen Schwergewichtstitel gegen Juan Carlos Gomez. Während sich der eine stets diszipliniert und asketisch präsentiert, so ist der andere dem üppigen Schlemmen nicht abgeneigt.
GOING - Wenn er sich in der Ukraine im Stadtparlament aufreibt, vergisst er das Essen schon mal. Aber jetzt ist er Boxer, nicht Politiker. Fritz Sdunek, Klitschkos Trainer, blickt auf einen Teller Linsensuppe. Dabei liebt er gutes Essen, guten Wein und am Abend den einen oder anderen Cocktail. Aber jetzt ist Sdunek auf Diät. „Witali hat gesagt, ich muss abnehmen“, erklärt er. Am Tisch ist Klitschko der Chef.
Im Ring ist das anders. Da bestimmt Sdunek. Er fordert den Zwei-Meter-Hünen, bringt ihn zum Schwitzen, lässt ihn leiden. So sehr, dass der Ukrainer in seinem Trainingslager beim Stanglwirt, einem Fünfsternehotel in der Nähe von Kitzbühel, schon mal wie ein alter Mann zum Frühstücksbüfett schlurft. Sdunek will, dass Witali Klitschko Weltmeister bleibt. Er will, dass der ältere der Klitschko-Brüder am Samstag in Stuttgart den Angriff des Kubaners Juan Carlos Gomez abwehrt. Denn Klitschko ist Sduneks Meisterstück.
Fritz Sdunek ist 61 Jahre alt, ein Erfolgstrainer der alten Schule, sein Handwerk hat er in der ehemaligen DDR gelernt. Er hat so manchen Boxer zum Weltmeister gemacht. Und er hat so manchen Weltmeister abstürzen sehen. Den Halbschwergewichtler Dariusz Michalczewski zum Beispiel, der heute angeblich pleite ist. Oder eben Gomez, der eine Tochter mit Sduneks Tochter Kati hat und all sein Geld, das er zwischen 1998 und 2001 als Cruisergewichts-Weltmeister verdiente, in Alkohol, Frauen und Drogen investierte. Witali Klitschko ist anders, ein Glücksfall für Sdunek.
Er ist nicht sein talentiertester Boxer. Bei weitem nicht. Die Klitschkos können gut genug boxen, um im Geschäft zu bleiben. Ihr weitaus größerer Verdienst aber ist es, sich zu Verkaufsschlagern gemacht und damit an die Spitze der Branche katapultiert zu haben. Die „zwei Türme, die niemand auseinanderhalten kann“, wie Sdunek die Brüder liebevoll nennt. Zwei Hünen, die sich von ihrem Promoter Klaus-Peter Kohl emanzipiert haben. Mit ihrem persönlichen Manager Bernd Bönte wirtschaften sie längst nur noch in die eigene Tasche.
Bernd Bönte erklärt selbstbewusst: „Ein Klitschko-Event ist ein bestimmtes Brand“, also ein Markenzeichen. Raus aus der Schmuddelecke des Profiboxens und rein in die große Geschäftswelt. Bönte spricht von „B-to-B-Möglichkeiten“. Er meint Business to Business. Das heißt: Reichtum und Macht treffen sich. Dort, wo die Sitzplätze besonders nah am Ring liegen, 600 Euro kosten und der Zugang zum VIP-Bereich mit Champagner und Edel-Häppchen inbegriffen ist. Vitali Klitschko beschreibt das Prinzip mit einem Lächeln auf den Lippen: „Die Jungs bei uns am Ring wiegen ein paar Milliarden.“ Fritz Sdunek wirkt ein wenig fehl am Platz in dieser Schickeriawelt. Ein Relikt aus den Anfangstagen im Profigeschäft, als die Klitschkos Träumer waren, aber noch keine Sieger. „Ein großer Spieler im Boxgeschäft zu werden war auf jeden Fall von Anfang an mein Ziel“, sagt Klitschko. „Nur ein schlechter Soldat träumt nicht davon, General zu werden.“
1996 wollte Universum-Chef Klaus-Peter Kohl eigentlich nur Wladimir Klitschko unter Vertrag nehmen, der ja gerade in Atlanta Olympiasieger geworden war. Witali Klitschko war die Nominierung wegen einer positiven Dopingprobe entzogen worden. Doch die Klitschkos gab es schon damals nur im Doppelpack, sie gingen gemeinsam bei Sdunek in die Lehre. Er brachte ihnen die Kniffe des Profiboxens und ihre ersten deutschen Vokabeln bei. Witali Klitschko sagt heute: „Ich bin nicht nur sein Schützling, sondern auch sein Kumpel, sein Freund.“
Bis dahin hätten seine Trainer immer ein Prinzip gehabt, sagt Klitschko. „Härte macht hart, du musst durch die Hölle gehen, um Erfolg zu haben.“ Sdunek sei ganz anders gewesen. Er habe Pausen verordnet und Nachsicht walten lassen. „Zuerst habe ich das nicht verstanden, aber nach einer Weile habe ich gemerkt, dass das richtig gut funktioniert.“ Fritz Sdunek ist aber auch ein Freund der klaren Worte. Und so kam es zur Trennung von Wladimir Klitschko. Denn Sdunek hatte öffentlich erzählt, was er schon nach kurzer Zeit der Zusammenarbeit mit den ukrainischen Brüdern wusste: „Witali ist der stabilere, psychisch der stärkere.“ Wladimir Klitschko wertete das als Vertrauensbruch und engagierte 2004 mit Emanuel Steward einen neuen Coach. In der Trainerfrage trennte sich das Klitschko-Doppelpack. Im Camp in Österreich sagt Witali Klitschko: „Ich genieße jede Minute zusammen mit Fritz.“
Die weltweite Wirtschaftskrise verschont indes auch die Klitschko-Idylle nicht. Am Training im Fünfsternehotel wird noch nicht gespart. Das gehört zur Marke. „Es ist ein Mythos, dass sich ein guter Boxer im letzten, stinkenden Gym vorbereiten muss“, sagt Bernd Bönte. Witali Klitschko nimmt die Krise ohnehin gelassen. „Man kann nicht in einer Gesellschaft leben und nicht spüren, was in dieser Gesellschaft passiert, selbstverständlich hat es uns auch getroffen“, sagt er. „Aber ich kann nicht sagen, dass ich Geld verloren habe, ich habe Geld nicht verdient.“
Er liebe Sprüche, sagt Klitschko, denn sie seien Volksweisheiten. Sie helfen ihm, mutig zu bleiben. Sie helfen ihm, weiter zu träumen. Einer der vier großen Schwergewichts-gürtel fehlt den Klitschkos noch, und den will sich Witali noch in diesem Jahr holen, bevor er dann einen weiteren Angriff auf das Bürgermeisteramt in Kiew startet. Klitschko sagt: „Amateure leiden, Profis arbeiten.“ Und: „Das Glück ist mit dem Tüchtigen.“
Derweil genießt Sdunek die Exklusivität des Trainingscamps, wie er es nur mit Witali Klitschko erlebt. Der Musterlehrer verschwindet heimlich an die Bar. Ab und zu ein Cubra Libre muss sein.
(с) Susanne Rohlfing, Kölner Stadt-Anzeiger



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