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Mörderische Hungersnot

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Die Ukraine sucht ein identitätsstiftendes Geschichtsbild

Es soll eine Art Triumphbogen werden, mit dreißig Meter hohen Säulen. Unter ihnen soll ein Riesenmonument des ukrainischen Nationalistenführers Stepan Bandera stehen, jenes Mannes, der wegen seiner Unbotmäßigkeit gegenüber den deutschen Besatzern ins KZ Sachsenhausen gesteckt, später von ihnen als Verbündeter umworben wurde und der anderthalb Jahrzehnte später im Münchner Exil vom KGB mit einer Giftspritze ermordet wurde. An dem Bandera-Denkmal in der westukrainischen Metropole Lemberg (Lviv) hat sich nun erneut ein Streit über das historische Selbstverständnis der modernen Ukraine entzündet. Denn im Westen der ehemaligen Sowjetrepublik, der einst polnisch und österreichisch war, wird Bandera als Freiheitskämpfer verehrt. Im russisch geprägten Osten und Süden des Landes aber wurde er zu Sowjetzeiten als Feind verteufelt, dessen Verbände den Rotarmisten in ihrem heldenhaften Kampf gegen die faschistischen Invasoren in den Rücken gefallen seien.

Die Causa Bandera scheint nun die Grenzen der Geschichtspolitik aufzuzeigen, die Präsident Viktor Juschtschenko seit der orangen Revolution vor vier Jahren aktiv betreibt. Er sieht die Notwendigkeit, ein Geschichtsbild für die immer noch gespaltene ukrainische Gesellschaft ausarbeiten zu lassen. Das Vorhaben scheint indes ein Ding der Unmöglichkeit zu sein - zu unterschiedlich sind die historischen Erfahrungen der Westukraine um Lemberg, der Zentralukraine mit Kiew, des Ostens mit dem Industriegebiet Donbass, der von vielen Völkern eroberten Halbinsel Krim und des einst russisch-jüdisch geprägten Bezirks Odessa an der Nordwestecke des Schwarzen Meers.

Das unter Aufsicht des Präsidenten entworfene Geschichtsbild soll den Rahmen für den Schulunterricht sowie für viele Fernsehdokumentationen und staatlich geförderte Spielfilme liefern. Doch nicht nur an Bandera scheiden sich die Geister, sondern eigentlich auch an fast allen anderen zentralen Kapiteln der zu entwerfenden großen nationalen Erzählung. Deren erstes Schlüsseldatum ist die Taufe der Kiewer Rus, des von Warägern gegründeten ersten russischen Reichs, im Jahr 988. Doch für den Westen um die galizische Metropole Lemberg ist 988 ein nachrangiges Datum - die Region ist überwiegend griechisch-katholisch, die Gläubigen unterstehen also Rom.

Mittäter beim Holocaust

Dieselbe Trennungslinie gilt noch im 20. Jahrhundert, zumindest für die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Rotarmisten und Tschekisten haben in den Augen der Bevölkerung der Zentral- und Ostukraine das Vaterland verteidigt. Im kollektiven Gedächtnis der Westukrainer aber brachten sie nur Unheil. Hinter Bandera stand die ab Mitte des Krieges von den Nazis geduldete Ukrainische Befreiungsarmee (UPA). Da die westukrainische Bevölkerung zu einem beträchtlichen Teil traditionell antisemitisch eingestellt war, fiel bei ihr die Nazipropaganda vom "jüdischen Bolschewismus" auf fruchtbaren Boden; viele der westukrainischen Kämpfer wurden zu Mittätern beim Holocaust, auch verübte die UPA Massaker an der polnischen Bevölkerung, was noch immer auch für Spannungen zwischen Kiew und Warschau sorgt. Bis heute berufen sich im Großraum Lemberg Gruppierungen auf das Erbe der UPA - und lösen somit heftigen Protest bei der russischsprachigen Intelligenz in Odessa und im Osten aus. Hinzu kommt, dass sich auch Tausende von jungen Männern zur SS-Division "Galizien" meldeten - die deutschen Besatzer hatten sie mit dem falschen Versprechen geworben, nach dem "Endsieg" solle eine unabhängige Ukraine entstehen; als deren künftiger Führer wähnte sich Bandera.

Auch beim Kernstück der historischen Identität der Ukraine, wie sie Juschtschenko vorschwebt, gehen die Erinnerungskulturen auseinander: beim Holodomor, der großen Hungersnot der Jahre 1932/33. Dass das Wort im Alphabet gleich hinter "Holocaust" kommt, wird dabei gern hingenommen. Es handelt sich aber keineswegs, wie Kiew gern unterstellt wird, um eine bewusste, auf Außenwirkung abzielende Wortwahl. Denn das Wort "Holodomor" kam in der Ukraine in Gebrauch, als der Begriff "Holocaust" noch nicht Teil der Sprache war. Holod heißt Hunger, mor bedeutet sinngemäß "das große Sterben".

Aus Kiewer Sicht unterliegt es keinem Zweifel, dass die große Hungersnot künstlich auf Befehl des Kremlherrschers Stalin hervorgerufen wurde. Da die Einwohner Kiews mehrheitlich ebenso wie die Bauern den Aufbau des Sozialismus sabotierten, außerdem die ukrainischen Kommunisten einen nationalen Weg gehen wollten, beschloss Stalin demnach, den Widerstand durch Hunger zu brechen. Mit dem durch die Beschlagnahme von Nahrungsmitteln und die Abriegelung ganzer Landstriche herbeigeführten Massensterben, dem etwa sieben Millionen Ukrainer zum Opfer fielen, wurden zwei Ziele verfolgt: Es war ein "Klassenkampf", vor allem gegen die Kulaken, die Landbesitzer, wozu auch Kleinbauern zählten. Gleichzeitig war es der Auftakt zur Russifizierungspolitik Stalins, der die ukrainische Kultur als eine Art Folklore marginalisieren wollte. Der Holodomor wurde zu Sowjetzeiten verschwiegen - so wie ihn Moskau noch heute zur großen Empörung der Ukrainer herunterspielt.

Fette Jahre im Donbass

Vor einem Jahr hat das Parlament in Kiew ein von Juschtschenko eingebrachtes Gesetz verabschiedet, das den Holodomor zum Völkermord erklärt - was indes den Protest jüdischer Organisationen hervorrief, die darin eine unzulässige Gleichsetzung mit dem Holocaust sahen. Doch mittlerweile haben zwanzig Staaten den Holodomor als Genozid anerkannt, darunter Polen, Italien, Mexiko und Kanada, wo seit Generationen viele ukrainische Emigranten leben. Die Vorstöße Kiews, die Hungersnot unter Stalin auch von den Vereinten Nationen als Völkermord anerkennen zu lassen, blockiert indes Moskau. Die Russen lehnen die Verantwortung für die Verbrechen Stalins ab, dieser sei Führer der untergegangenen Sowjetunion und nicht der Russischen Föderation gewesen.

Auch für das russisch geprägte Industriegebiet im Osten der Ukraine stellt der Holodomor keine identitätsstiftende Erfahrung dar. Denn im Donbass sind die Dreißiger fette Jahre gewesen: Stalin ließ die Region bei seinen Fünf-Jahres-Plänen aufpäppeln - und gezielt Russen ansiedeln. Das Donbass sollte Musterregion für die Schaffung des homo sovieticus werden. Die zugezogenen Russen hatten nie eine Beziehung zu den Traditionen Kiews. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wollte sich die überwältigende Mehrheit von ihnen zunächst nicht mit der ukrainischen anstelle der sowjetischen Staatsbürgerschaft abfinden.

Doch mittlerweile sind die Träume von einer Wiedergeburt der Sowjetunion verblasst, und bei der russischsprachigen jungen Generation ist durchaus eine ukrainische Identität entstanden. Dazu beigetragen haben in nicht geringem Maße die russischsprachigen Massenmedien, die sich in der Hand ostukrainischer Oligarchen befinden. Die Industriemagnaten sprechen zwar Russisch, doch wollen sie sich keinesfalls Moskau unterordnen. Daher propagieren die von ihnen kontrollierten Medien die Abgrenzung von Russland. Die Architekten von Juschtschenkos Geschichtswerkstatt konnten einige von ihnen sogar gewinnen, Filmproduktionen im Geiste des neuen aufgeklärten ukrainischen Patriotismus zu finanzieren, beispielsweise über die freiheitsliebenden Kosaken, die sowohl von den Kiewern als auch den Donezkern oder Charkowern geradezu mythisch verehrt werden. Doch sind die Berater des Präsidenten klugerweise bisher nicht auf den Gedanken verfallen, den Ostukrainern als Namenspatron für Straßen oder Schulen den Russenfeind und Antisowjetschik Bandera aufzudrängen. Dessen Verehrung soll auf das Regionalfenster West beschränkt bleiben. Überregionale Helden aber werden weiter dringend gesucht.

(с) THOMAS URBAN, Süddeutsche Zeitung

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