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Ukrainische frauen demonstrieren nackt gegen Europas Polit-Machos

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Männerkult und Bunga-Bunga-Partys: Mit nackter Haut protestieren ukrainische Feministinnen gegen Staatsmacht und Sextourismus. Nicht nur Männer stört das.

Ihr stärkstes Argument sind nackte Tatsachen. Seit Wochen sorgt die ukrainische Frauenbewegung Femen mit Oben-ohne-Protesten europaweit für Aufmerksamkeit. Ob sie vor der italienischen Botschaft in Kiew gegen Silvio Berlusconis Bunga-Bunga-Partys demonstrieren, gegen Wladimir Putins autoritären Männerkult zu Felde ziehen oder gegen schlüpfrige Äußerungen ihres eigenen Präsidenten Wiktor Janukowitsch auf die Straße gehen: Stets zeigen die jungen Schönen mit den blonden Haaren viel Haut.

Auch gegen ein Großereignis von Weltrang, die Fußball-EM 2012 in der Ukraine und Polen, ließen die Feministinnen auf der berühmten Potjomkin-Freitreppe in Odessa tief blicken. Die Schwarzmeerstadt sei "kein Bordell", lautete das Motto der Aktion. "Sextourismus ist in der Ukraine ein riesiges Problem", erklärt Femen-Chefin Anna Huzol im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Und zur Fußball-Europameisterschaft werde alles "noch viel schlimmer kommen", sagt die 26-Jährige.

Staatschef Janukowitsch hatte kürzlich bei einem Auftritt in der Schweiz mit dem Sexappeal junger Ukrainerinnen für das EM-Gastgeberland geworben. "Wenn in Kiew die Kastanien blühen, lassen unsere Frauen ihre Hüllen fallen", hatte der Präsident gesagt und Femen damit zu einem Nackt-Protest herausgefordert. Einen Widerspruch zur feministischen Zielsetzung sieht Huzol in den selbstentblößenden Aktionen ihrer Aktivistinnen nicht. "Das ist unsere Bombe", sagt sie. "Wenn die einschlägt, hört man das überall."

Ausziehen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen: Trotz des Happening-Charakters der Femen-Proteste sind die Anliegen der jungen Frauen bitterernst. Mehrere zehntausende Ukrainerinnen werden nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen jährlich zur Prostitution gezwungen. Genaue Zahlen gibt es nicht, die Dunkelziffer ist hoch. Ein weiteres großes Problem: Häusliche Gewalt ist in der männerdominierten ukrainischen Gesellschaft weit verbreitet.

Dennoch sind die schärfsten Gegner der Femen-Gruppe die Frauen selbst. "In der Ukraine herrscht ein archaisches Konkurrenzdenken im Kampf um Männer", sagt Huzol. "Unsere Frauen wollen vor allem vorteilhaft heiraten." Emanzipation sei für die meisten Ukrainerinnen ein Fremdwort, "auch wenn sie am Ende selbst darunter leiden".

Auch mit der Staatsmacht geraten die rund zwei Dutzend Femen-Aktivistinnen immer wieder in Konflikt. Einige der jungen Frauen saßen wegen der vermeintlich unsittlichen Proteste bereits kurzzeitig in Haft. Auf Huzol selbst hat der Geheimdienst Jagd gemacht. Kein Wunder also, dass die Femen-Chefin die autoritäre Politik von Präsident Janukowitsch im Gespräch mit scharfen Worten anprangert: "Wir sind auf dem direkten Weg in eine Diktatur", sagt sie.

Böse Zungen in Kiew behaupten, die Femen-Gruppe stehe auf der Gehaltsliste oppositioneller Parteien. Huzol will davon nichts wissen. Die jungen Frauen, alle in den Zwanzigern und meist Studentinnen, machen allerdings keinen Hehl daraus, dass sie sich in der Tradition der prowestlichen Orangen Revolution von 2004 sehen. "Wir haben damals gelernt, nicht alles klaglos hinzunehmen", erzählt Huzol.

Gescheitert ist die Orange Revolution dennoch, vor allem an den persönlichen Eitelkeiten und am Ehrgeiz ihrer Anführer Wiktor Juschtschenko und Julia Timoschenko, die sich am Ende abgrundtief entzweiten. Und so ist es kaum ein Zufall, dass Huzol die Femen-Gruppe 2008 gründete, als die ehemaligen Revolutionäre noch regierten, aber bereits alle Strahlkraft verloren hatten.

Seit einem Jahr nun ist Janukowitsch Präsident. Der pro-russische Ostukrainer hat die Uhren im Land zurückgedreht. Handstreichartig ließ er die Verfassung von 1996 wieder in Kraft setzen, die alle Macht beim Staatsoberhaupt konzentriert. Zugleich degradierte er das Parlament zu einem Abnick-Organ, das Gesetzesvorlagen der Regierung kaum mehr prüft. Wiederholt fanden sich bei Abstimmungen Wahlzettel von Abgeordneten in der Urne, die nachweislich nicht anwesend waren. Kritiker sprechen bereits von einer "gelenkten oder imitierten Demokratie nach russischem Muster".

Auch die Pressefreiheit in der Ukraine ist brüchig. Die wichtigsten Medien gehören zu den Imperien der berüchtigten Oligarchen, jener Wirtschaftsbosse, die während der wilden Privatisierung der neunziger Jahre die Filetstücke des ehemaligen Volkseigentums in ihren Besitz gebracht haben. Da die Oligarchen eng mit der Politik verbunden sind, kann von unabhängiger Berichterstattung weder in den staatlichen noch in den privaten Medien die Rede sein.

Bedenklicher noch ist die Jagd auf Oppositionelle, die Janukowitsch angeordnet hat. Die Justiz wird in der Ukraine seit Langem von der Politik gegängelt. Unter dem Vorwand der Korruptionsbekämpfung verhaftete die Polizei im vergangenen halben Jahr ein gutes Dutzend führender Vertreter der Opposition. Fünf ehemalige Mitglieder der Timoschenko-Regierung sitzen derzeit wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit oder Untreue im Gefängnis.
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Timoschenkos einstiger Wirtschaftsminister Bogdan Danilischin hat bei einer Prag-Reise in Tschechien erfolgreich um Asyl gebeten. Timoschenko selbst darf die Ukraine nicht verlassen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung in großem Stil vor. Beobachter sprechen von einem regelrechten Rachefeldzug gegen die Regierungsgegner. Die Hatz der Ermittler erinnere an das Vorgehen der russischen Justiz gegen Kremlkritiker wie den einstigen Öl-Oligarchen Michail Chodorkowski.

Den Femen-Frauen ist die russische Führung um Regierungschef Wladimir Putin ohnehin suspekt. Moskau wolle sich die Ukraine wie zu Sowjetzeiten Untertan machen, lautet ihr Verdacht. Bei Putins jüngstem Besuch in Kiew begrüßten sie den eher kleinwüchsigen Russen, der gelegentlich mit nacktem Oberkörper für die Fotografen posiert, mit dem Spruchband: "Wir schlafen nicht mit Kreml-Zwergen." Anschließend zogen sie sich in ihr Hauptquartier zurück, eine Keller-Kneipe im Herzen von Kiew. Cupido heißt der ebenso verruchte wie verrauchte Club – benannt nach dem römischen Gott der Begierde.

 

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