Stepan Bandera als „Held der Ukraine“
Julia Timoschenko ist nur selten um das passende Wort verlegen. Jüngst in der westukrainischen Metropole Lwiw (Lemberg) aber doch. Gefragt, ob sie, wäre sie 1944 schon aktive Politikerin gewesen, sich der Unabhängigkeitsbewegung OUN angeschlossen hätte, ging sie wortlos davon.
Die OUN hatte einen charismatischen Führer, Stepan Bandera, 1909 in Galizien geboren, das war damals österreichisch und nach 1919 polnisch; in Polen war er wegen Terrorakten verurteilt, als Nazi-Kollaborateur mitverantwortlich für die Ermordung tausender Juden in Lemberg; im Nazi-Reich dann im KZ; 1944 freigelassen, um gegen die Sowjets zu kämpfen, was die OUN-Armee bis 1954 tat; 1959 in München vom KGB ermordet.
Diese schillernde Persönlichkeit hat der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko nun zum Nationalhelden erklärt. Das "Heldentum und die Selbst-Aufopferung im Kampf für eine unabhängige Ukraine" sei von Millionen Patrioten seit Jahren verlangt worden. Als er den heldenstiftenden Ukas Nr. 46/2010 erließ - in der Woche, in der der Befreiung des KZs Auschwitz gedacht wurde -, hatte er die Präsidentenwahl vom 17. Januar gerade verloren.
Das Argument, Bandera habe mit den Nazis zusammengearbeitet, lassen Juschtschenkos Anhänger nicht gelten. Habe doch auch Stalin mit Hitler zusammengearbeitet. Übrigens haben die Medienverantwortlichen in Russland wie in der Ukraine sich erheblich angestrengt, um parallele Peinlichkeiten zu vermeiden: Da hätte das Fernsehvolk doch um ein Haar Stalin zu Russlands historischer Leitfigur erhoben - und Bandera zu derjenigen der Ukraine. Um solche Meinungsbilder zu entfernen, war viel Retusche nötig. Hätte Julia Timoschenko ein kritisches Wort über Bandera gesagt, könnte sie die westukrainischen Stimmen, die sie bei der Stichwahl braucht, in den Schornstein schreiben. Ein Lob für Bandera aber brächte andere Wähler gegen sie auf und Viktor Janukowitsch sicher an die Macht.
Doch wer sich vor der Geschichte wegduckt, den holt sie wieder ein. Und sei es, weil ein Abtretender der Nachwelt eine peinlich schillernde Figur zum Abschiedsgeschenk macht, nun selber peinlich schillernd.



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